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Als kleine Einführung in das Thema möchte ich die folgende kleine Geschichte voranstellen.

Neulich besuchten wir ein Restaurant in Kemer. Am Nachbartisch saß eine deutsche Familie und machte Pläne für einen Ausflug. Der Dialog ging etwa:

 

Papa: Wir könnten ja mal nach Demre fahren.

Sohn: (ca. 10 Jahre): Was gibt's denn da?

Papa: Da hat früher der Nikolaus gelebt.

Sohn: Quatsch, Papa, ich glaub doch nicht mehr an den Weihnachtsmann!

Mama: Nicht der Weihnachtsmann, der Nikolaus!

Sohn: Was ist denn da für ein Unterschied...?

Mama: Na, der Nikolaus, der kommt doch immer am 6. Dezember, das ist der mit den Schuhen!

Sohn: Blödsinn, das seid ihr doch, die da was in die Schuhe tun! ...

 

Ich weiß nicht, wie diese Planung ausging und ob die Familie dann doch nach Demre/Myra gefahren ist, aber die Stadt hat tatsächlich etwas mit dem Nikolaus zu tun.

 

Wer ausführlichere Hintergründe über die Geschichte des Nikolaus erfahren möchte, dem seien die folgenden Webseiten empfohlen:

 

www.nikolaus-von-myra.de/ ; http://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus

 

Danach ist der legendäre Nikolaus eine Verschmelzung aus zwei Personen, dem Bischof Nikolaus von Myra, der wahrscheinlich im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Lykien gelebt hat und und Nikolaus, Abt von Sion, der Bischof in Pinora war und am 10. Dez. 564 in Lykien starb. Aus diesen beiden historischen Personen wurde im 6. Jahrhundert die fiktive Gestalt des wundertätigen und übermächtigen Bischofs von Myra, um den sich zahlreiche Geschichten und Mythen ranken. So die Legende von den drei Jungfrauen, deren Vater sie an ein Bordell verkaufen wollte, da er sich keine Mitgift für die drei Töchter leisten konnte. Nikolaus soll davon gehört haben und ihnen drei Beutel Gold (drei Bälle, die sich später in Gold verwandelten…) durch das Fenster geworfen haben. So hatten sie nun eine angemessene Mitgift und konnten ehrbar verheiratet werden. Aus diesen und ähnlichen Legenden entwickelte sich die Rolle des Heiligen Nikolaus als Geschenkebringer für die Kinder. Gefeiert wurde (und wird) das Fest des Heiligen Nikolaus an seinem angeblichen Todestag, dem 6. Dezember, das ist auch der Namenstag für alle die Nikolaus heißen. 

 

Vermutlich im 5. Jh. wurde über dem Grab von Bischof Nikolaus in Myra eine erste Kirche erbaut, die sich bald zur Pilgerstätte entwickelte. Pilgerreisen kann man als heilsamen Tourismus des Mittelalters bezeichnen. Man erhoffte sich Heilung von allerlei Leiden, Hilfe bei Kinderlosigkeit oder Vergebung der Sünden. Die Wundertätigkeit der Heiligen übertrug sich auch auf Reliquien, z.B. die Knochen derselben, ein Splitter vom Kreuz und was man sich noch so alles an frühem christlichen Merchandising denken konnte. Kirchen und Klöster wetteiferten um die wundersamsten Reliquien. So kam es denn, dass im Jahre 1087 Kaufleute und/oder Piraten (was machte damals wohl den Unterschied aus ??) der italienischen Stadt Bari die sterblichen Überreste des Nikolaus aus Myra stahlen und in ihre Heimatstadt brachten. Bari hatte nun eine neue Pilgerattraktion. Die einst populäre Kirche in Myra versank in den folgenden Jahrhunderten im Schwemmsand und wurde unbedeutend.

Traditionell wurde der Nikolaus in seiner Bischofstracht mit langem Mantel und der spitz zulaufenden Bischofsmütze dargestellt. Doch wie wurde aus dem Bischof Nikolaus der fröhlich- dicke Weihnachtsmann mit Rauschebart und dem rot-weißem Outfit? Durch die  Reformation im 16. Jh. (Stichwort Luther) wurde in den protestantischen deutschen Ländern die Vielzahl der Heiligen abgeschafft. Sie passten nicht mehr in das aufgeklärte Weltbild. Die Geschenke für die Kinder brachte nun das Christkind am 24. oder 25. Dezember. Das konnte sich aber nicht in allen Ländern durchsetzen, so blieb es in den Niederlanden beim Sinta Klaas, der weiterhin am 6. Dezember Geschenke bringt. Der schaffte dann auch den Sprung nach Amerika, wo er als Santa Claus in der Nacht zum 25. Dezember die Geschenke durch den Schornstein in am Kamin aufgehängte Strümpfe wirft. Santa Claus trug einen roten (Bischofs-) Mantel, aber sein heute weltweit bekanntes Aussehen erhielt er 1939 vom Coca-Cola-Werbedesigner, Haddon Sundblom. Mit dieser Figur wird für Coca-Cola und inzwischen auch für eine Vielzahl, nicht unmittelbar damit verbundener Sachen (Bausparkasse, Bahnfahrkarten, etc.), Werbung gemacht. So ist es nur konsequent, wenn die Stadtväter der türkischen Kleinstadt Demre, in deren Stadtzentrum die Grabeskirche des Bischofs Nikolaus von Myra liegt, eine von russischen Schulkindern gestifteten Bronzestatue des Bischofs (für unseren Geschmack gut an historische Vorbilder angepasst) wieder vom Sockel nehmen ließen und statt derer eine Plastik-Statue des Coca-Cola Santa Claus aufgestellt haben. Sie machen nun Reklame für die Stadt des Weihnachtsmannes und erklärten es damit, dass die Welt den Weihnachtsmann schließlich so kennen würde.

Der legendäre Bischof Nikolaus galt schon immer als sehr tolerant, wie sonst lässt sich seine Popularität über 1500 Jahre und in allen christlichen Ländern erklären? Denn er wird nicht nur in der katholischen sondern auch in der orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt. Da kratzt es ihn sicherlich wenig, wenn er sich nun von Wolke Nummer sieben herab, glöckchen-schwingend Reklame für Coca-Cola machend, sieht. Nur mein Joe ärgert sich gelinde gesagt sehr darüber, ist doch dieses Ges... viermal billiger als Bier zu haben. Eine Art türkisches "Nikolaus-Gedächtnis-Getränk" und deshalb so gnadenlos billig?

Der russische Zar Nikolaus I ließ ab 1853 die Kirche in Myra wieder aufbauen, wobei die ursprüngliche Kuppel durch ein Kreuzgratgewölbe ersetzt wurde. Heute finden in Myra Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten durch die Universität Ankara in Zusammenarbeit mit der Museumsverwaltung in Antalya statt. Dabei wurden unter anderem mehrere alte Wandgemälde freigelegt. Unsere Bilder der Kirche stammen vom März 2005, aber wir planen demnächst mal wieder hin zu fahren. Von Kemer sind es über Kumluca bis Demre gut 100 km.

Die örtlichen Reiseveranstalter bieten Tagestouren zusammen mit Besichtigung der lykischen Felsengräber und des Theaters, einer Bootsfahrt zur versunkenen Stadt Kekova und Mittagessen je nach Saison ab 20 Euro an. Der Eintritt in die Nikolauskirche ist dann extra zu bezahlen. Diesen Tagesausflug können wir sehr empfehlen, denn bereits die Anfahrt über die kurvenreiche Küstenstraße bietet etliche sehenswürdige Ausblicke.

Anfang Dezember 2006 hat man bei Bauarbeiten im Flussbett von Demre sechs vollständige Sarkophage gefunden. Ein Bagger hatte einen Sargdeckel zur Seite geschoben und einem Mitarbeiter war aufgefallen, dass der Stein antik sein könnte. Auf einem Sarkophag befindet sich auch eine recht deutlich lesbare Inschrift, unsere Stammleser mit Griechischkenntnissen sind dafür gefragt. Hier erste Bilder:

Am 6. Dez. 2006 sind wir dann doch ganz kurz entschlossen nach Demre gefahren. Unser Dank gilt dem Landtagsabgeordneten Ramazan KARATAS, der es uns ermöglichte, an einem Teil der offiziellen Feierlichkeiten zum Nikolaustag teilzunehmen. Hier unser Bericht mit Bildern: